Im Oktober 2023 bin ich in der Freien Presse der Frage nachgegangen, ob die Kulturhauptstadt scheitern kann. Jetzt, zwei Monate nach dem offiziellen Start, will ich darauf zurückkommen.
In der vor Kurzem erschienenen Publikation von Wissenschaftlern der TU Chemnitz „Kulturhauptstadt Chemnitz 2025. Sozialräumliche Erkundungen“ heißt es, dass die „Operation“ Kulturhauptstadt durchaus misslingen kann. Wissenschaftler dürfen nicht nur, sie müssen sogar das Scheitern von Experimenten als Möglichkeit annehmen. Nicht so die Stadtverwaltung und die Spitze der Kulturhauptstadt gGmbH. Falls Sven Schulze oder Stefan Schmidtke solch ein Gedankenexperiment überhaupt je anstellen, dann am späten Abend bei ausgeschaltetem Licht.
Auf die Eröffnungsfeier bin ich hier schon eingegangen. In der Folge gab es noch kleinere Turbulenzen, zum Beispiel zum gescheiterten Projekt der Chemnitz-Hymne von Arbah Manillah. Gerade dieser Punkt, den man für nebensächlich ansehen könnte, hängt aber mit den selbstgesetzten Ansprüchen der Kulturhauptstadt eng zusammen. Zweifellos hat der Verein Kukaye Moto Fehler gemacht, doch solch ein besonderes Engagement gegen die Wand fahren zu lassen, hinterlässt Spuren auf Dauer.
Die Herausgeber der genannten Schift der TU benennen eine Variante des Scheiterns: In puncto organisationaler Stabilität steht Chemnitz2025 im Vergleich zu einigen anderen Kulturhauptstädten mit häufigeren Führungs- und Ausrichtungswechseln sehr gut da. Wenn sich die durchaus großen Hoffnungen der Beteiligten auf einen (partizipatorisch gestalteten) Wandel allerdings weitgehend nicht erfüllen sollten, dann droht eine veritable Welle der Ernüchterung, deren Folgen kaum abzusehen sind, und etwa aus anhaltender zivilgesellschaftlicher Resignation in puncto zukünftiger Transformation oder einer Erschöpfung, schlimmstenfalls auch Abwanderung im Bereich der engagierten Kunst- und Kulturszene bestehen könnte.
Und als zusätzlichen Aspekt führen sie an:
Schließlich droht […] eine erfolgreiche Politisierung der ›stillen Mitte‹ von rechtsextremer Seite, die deren Aktivitäten entweder im Alltag normalisierend verharmlost oder die sich von der extremen Rechten sogar politisch versammeln und mobilisieren lässt. Denn eine Politisierung der Bevölkerung, deren Fehlen oft zu Recht beklagt wird, ist kein Allheilmittel zur Stabilisierung demokratischer Institutionen.
Von der Stadtverwaltung wird der Erfolg der Kulturhauptstadt vor allem ökonomisch betrachtet. Die beschworene Zahl der zwei Millionen Besucher steht dafür. Dieser Aspekt ist für die Wissenschaftler Nebensache. Wenn sie von „Transformation“ sprechen, ist die in den Köpfen der Chemnitzer gemeint. Hier treffen sich ihre Ansichten mit dem, was ich vor anderthalb Jahren im genannten FP-Artikel geschrieben habe.
Im vorigen Jahr war mein Optimismus bezüglich der Kulturhauptstadt deutlich gewachsen, jetzt befindet er sich im Sinkflug. Ein Grund ist, dass tatsächlich bei nicht wenigen Engagierten der Frust angesichts organisatorischer Hindernisse und schlechter Kommunikation mit den Verantwortlichen wächst. Hinzu kommt, dass der aktuelle Sparkurs der Stadtverwaltung zu einer Gefährdung gewachsener kultureller Strukturen führt, während Ferenc Csák ein Team von mehr als 50 Leuten in der Verwaltung aufbaut, um die vielbeschworene „Legacy“ der KuHa zu sichern. Das passt nicht zusammen.
Der andere, noch gewichtigere, ist der, den die Buchautoren bezüglich der „Stillen Mitte“ ansprechen. Es mag ein Fehler in Bezug auf das eigene psychische Wohlergehen in solche Facebook-Gruppen wie Chemnitz Live (fast 37.000 Mitglieder) überhaupt hineinzuschauen. Ich kann das im Moment auch nicht. Administrator Harald Deckow, selbst aktiver Hetzer, hat mich gesperrt. Aber was dort an Schmutz ausgekübelt wird, ist unerträglich. Das Argument, dass es ja nur maximal 50 Leute sind, die dort in dieser Beziehung aktiv werden, tröstet nicht. Das mindestens genau so große Problem sind es die vielen Tausend Schweigenden, die es den Hetzern erlauben, meinungsbildend aufzutreten.
Es wird nicht wieder anderthalb Jahre dauern, bis ich zum Thema was sage. Im Sommer wird ein guter Zeitpunkt sein, die nächste Zwischenbilanz zu ziehen.